Material, Artikel oder Produkt? Warum drei Begriffe für scheinbar dieselbe Sache existieren   

Chatgpt Image 29. Sept. 2026, 10 44 45

Material, Artikel, Produkt – alles dasselbe. Oder doch nicht? 

Wer schon einmal in einem SAP-Projekt unterwegs war, kennt die Situation: Im Fachbereich spricht jemand vom Produkt, der Einkauf vom Material und im Handel ist plötzlich nur noch vom Artikel die Rede. 

Spätestens im dritten Meeting stellt sich die Frage: Sprechen eigentlich alle über dieselbe Sache? 

Die Antwort lautet: Ja und nein. 

Denn die drei Begriffe beschreiben zwar häufig dasselbe physische Gut, stammen aber aus unterschiedlichen fachlichen und historischen Kontexten. Wer die Unterschiede versteht, versteht auch besser, warum SAP-Systeme im Handel und in der Industrie teilweise unterschiedlich funktionieren. 

 

Am Anfang stand das Material 

Wer die Begriffswelt verstehen möchte, muss einen kurzen Blick in die SAP-Geschichte werfen. 

Das ursprüngliche zentrale Stammdatenobjekt in SAP war der Materialstamm. Alles, was eingekauft, gelagert, produziert oder verkauft wurde, wurde als Material verwaltet. 

Der Materialstamm war und ist die Grundlage zahlreicher logistischer Prozesse. Einkauf, Lagerverwaltung, Produktion, Disposition und Vertrieb greifen auf dieselben Stammdaten zu und nutzen die darin enthaltenen Informationen für ihre jeweiligen Abläufe.  

Für Industrieunternehmen war dieses Modell lange völlig ausreichend. 

Dann kam der Handel.

 

Warum der Handel den Artikel erfunden hat 

Mit der Einführung von SAP Retail entstand ein neues Stammdatenkonzept: der Artikel. 

Dabei handelt es sich nicht um ein komplett neues Objekt, sondern vielmehr um eine Weiterentwicklung des klassischen Materialstamms. SAP ergänzte zusätzliche Felder, Tabellen und Funktionen, um den besonderen Anforderungen von Handelsunternehmen gerecht zu werden.  

Das war notwendig, weil Händler andere Herausforderungen haben als produzierende Unternehmen. 

Während ein Maschinenbauer sich häufig darauf konzentriert, aus Komponenten ein Endprodukt herzustellen, muss ein Händler vor allem steuern: 

  • Welche Produkte in welchen Filialen angeboten werden 
  • Welche Sortimente an welchen Standorten gelten 
  • Wie Verkaufsaktionen organisiert werden 
  • Wie Preisgestaltung und Bestandsführung im Filialnetz funktionieren 

Für diese Szenarien wurde der Artikelstamm entwickelt. Deshalb arbeiten Handelsunternehmen heute überwiegend mit Artikeln statt mit klassischen Materialien. 

 

Und was genau ist jetzt ein Produkt? 

Beim Begriff „Produkt“ wird die Sache etwas weniger eindeutig. 

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht verstehen die meisten Unternehmen unter einem Produkt etwas, das einem Kunden angeboten oder verkauft wird. Ein Produkt kann aus zahlreichen Materialien bestehen und durch verschiedene Prozesse entstehen. 

Ein Fahrrad ist beispielsweise ein Produkt. Rahmen, Reifen, Schrauben oder Bremsen sind Materialien. Gemeinsam ergeben sie das fertige Produkt, das der Kunde kauft.  

In der Praxis funktioniert diese Definition jedoch nicht immer eindeutig. 

Wie ordnet man beispielsweise Dienstleistungen ein? Oder digitale Leistungen? Oder teilfertige Erzeugnisse? 

Hier werden die Grenzen schnell unscharf.  

 

Die technische SAP-Sicht 

Zusätzlich existiert noch eine zweite Perspektive. 

SAP verwendet in vielen modernen Anwendungen zunehmend den Begriff „Produkt“ als übergeordneten Standardbegriff. 

In Lösungen wie CRM oder EWM wird häufig nicht mehr zwischen Material und Artikel unterschieden. Dort spricht man schlicht vom Produkt.  Dadurch kann der Eindruck entstehen, dass Material, Artikel und Produkt vollständige Synonyme sind. 

Technisch betrachtet nähern sich die Begriffe tatsächlich immer stärker an. Historisch gewachsene Anwendungen und unterschiedliche Branchenanforderungen sorgen jedoch weiterhin dafür, dass alle drei Begriffe parallel verwendet werden.  

 

Wie zeigt sich der Unterschied im Alltag? 

Der Unterschied wird vor allem sichtbar, wenn man die Prozesse betrachtet. 

Im Handel 

Ein Händler muss häufig entscheiden, welche Artikel in welchen Filialen verfügbar sein sollen. Nicht jede Filiale führt jedes Sortiment. 

Ein großer Verbrauchermarkt bietet oft deutlich mehr Produkte an als ein kleiner Nahversorger. Daher benötigt der Artikelstamm spezielle Funktionen wie Sortimentierung und Listung.  

Durch diese Mechanismen wird gesteuert: 

  • Welche Artikel an welchem Standort existieren 
  • Wann ein Artikel verkauft werden darf 
  • Welche Filialtypen bestimmte Artikel führen 
  • Wie neue Produkte im Sortiment eingeführt werden 

Diese Anforderungen gibt es in dieser Form in klassischen Industrieunternehmen häufig nicht. 

 

Die Industrie denkt anders 

In der Industrie liegt der Fokus meist auf der Herstellung von Produkten. 

Dafür benötigt das System Informationen darüber, welche Materialien verbraucht werden und wie daraus ein fertiges Erzeugnis entsteht. 

An dieser Stelle kommen Stücklisten ins Spiel. Sie beschreiben, welche Komponenten in welcher Menge benötigt werden, um ein Produkt herzustellen. Auf dieser Grundlage entstehen Fertigungsaufträge, Produktionspläne und Rückmeldungen.  Hier denkt man also eher vom Material zum Produkt. 

Im Handel denkt man dagegen häufig vom Artikel zum Verkauf. 

Diese unterschiedliche Sichtweise erklärt, warum dieselben Begriffe in verschiedenen Unternehmen unterschiedlich verwendet werden.

 

Stücklisten gibt es übrigens auch im Handel 

Wer bei Stücklisten sofort an Produktion denkt, greift zu kurz. 

Auch im Handel spielen Stücklisten eine wichtige Rolle. 

Ein bekanntes Beispiel sind Pfandartikel. Kauft ein Kunde eine Getränkeflasche, besteht der Verkaufsartikel wirtschaftlich betrachtet aus dem Getränk und dem Pfandbestandteil.  

Weitere Beispiele sind: 

  • Verkaufssets aus mehreren Produkten 
  • Geschenkboxen 
  • Aktionspakete 
  • Displays mit verschiedenen Artikeln 
  • Instore-Produktionsprozesse in Bäckereien oder Metzgereien 

Die technische Umsetzung erfolgt dabei häufig ebenfalls über Stücklisten, auch wenn die fachliche Zielsetzung eine andere ist als in der Produktion. 

 

Fazit: Drei Begriffe, drei Perspektiven 

Die wichtigste Erkenntnis lautet nicht, welcher Begriff „richtig“ ist. 

Entscheidend ist zu verstehen, aus welcher Perspektive jemand spricht. 

  • Das Material ist das klassische Stammdatenobjekt der SAP-Welt. 
  • Der Artikel ist die handelsorientierte Weiterentwicklung des Materials. 
  • Das Produkt ist häufig die betriebswirtschaftliche oder moderne technische Sicht auf dieselbe Sache.  

Wer diese Zusammenhänge versteht, kann Diskussionen in Projekten deutlich leichter einordnen. 

Und oftmals stellt sich dann heraus, dass alle Beteiligten tatsächlich über dasselbe sprechen. Nur eben mit einer anderen Brille.